Autorin im Interview: Marion Schreiner zu "Das blaue Haus"

 

Bereits 2010 erschien Marion Schreiners Debütroman „Die Scheune“, ein Thriller über den Amoklauf des fiktiven Psychopaten Dane Gelton, dessen heile Welt unter plötzlichem psychischen Druck schlagartig zusammenbricht. Kansas als Setting und die Problematik von Kindesmissbrauch sind dabei Schlüsselpunkte im Bewusstsein der Autorin, die nach eigenem Bekenntnis seit ihrem zehnten Lebensjahr an Fernweh nach den USA leidet und sich durch ihre Ausbildung an einer Fachschule für Sozialpädagogik intensiv mit den Folgen von Traumata auf die menschliche Psyche und Denkansätzen wie der Opfer-Täter-Theorie befasst hat. Inzwischen ist ihr zweites Buch „Das blaue Haus“ erschienen, welches Dane Geltons gescheiterte Biografie und deren Aufarbeitung bis zu ihrem dunklen Anfang nicht minder spannend fortsetzt und zum Abschluss bringt.

 

Frau Schreiner, Sie widmen dem Psychopathen und Killer Dane Gelton mit dem Roman „Das blaue Haus“ bereits Ihr zweites Buch. Provokante Frage: Mögen Sie ihn?

Interessante Frage, darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch gar keine Gedanken gemacht. Ich glaube, jeder Autor mag seine Protagonisten, sonst würde er wohl nicht über sie schreiben können. Eine erfundene Geschichte ist eine sehr private und intime Freigabe von Gefühlen und Einstellungen, also kann ich die Frage mit „Ja, ich mag meinen Protagonisten“ beantworten.Ich denke, deshalb habe ich auch mehrere Bücher über ihn geschrieben.

 

Was macht diesen Mann für Sie so spannend?

Provokante Anwort: Ich kann mich über diesen Mann gut abreagieren. Manchmal staut sich in mir eine Menge Wut und Zorn auf Dinge, die in dieser Welt passieren. Ich kann aber auch Traurigkeit, Enttäuschung und Resignation durch ihn ausleben.

 

Was für mich als Leser das Buch so faszinierend macht, ist die Innensicht auf einen zutiefst traumatisierten Menschen. Letztlich stellen Sie in Ihren Büchern damit die Schuldfrage neu. Ist Dane Gelton verantwortlich für sein Handeln?

Gegenfrage: Wie lange muss ein Opfer seine Not aushalten? Darf es sich das Recht auf Gerechtigkeit verschaffen, und wenn ja, in welcher Form? Sollte es sich besser umbringen, bevor es selbst zum Täter wird? Gut gemeinte Ratschläge wie „rechtzeitig Hilfe suchen“ klingen ziemlich fad und bleiben theoretisch. Sie sind für seelisch kranke Menschen, die sich in einer grausamen emotionalen Situation befinden, häufig unrealistisch, also keine Option. Ich kann diese Frage leider nicht beantworten. Ich schreibe über mögliche Begebenheiten und Entwicklungen, ohne Bewertung. Die Frage muss sich jeder Leser selbst beantworten. Vielleicht will ich auch etwas provozieren und mehr Sensibilität für die Zusammenhänge einfordern.

Wie gelingt es Ihnen, sich derart glaubwürdig in das Innenleben dieses Mannes und seine extreme Zerrissenheit einzufühlen?

Ich habe in meinem Leben viel erlebt, mit vielen außergewöhnlichen Menschen gesprochen, viel Enttäuschung und Entrüstung in mir gespürt und viele Bücher über Störungen und seelische Erkrankungen gelesen. Einer meiner prägendsten Erlebnisse war der Selbstmord meiner Mutter. Mich interessieren die Zusammenhänge von Erlebtem und deren Folgen für die Seele.

 

In Ihrem ersten Buch „Die Scheune“ haben wir Dane Geltons Zusammenbruch, seinen Amoklauf und sein Ende in der Psychiatrie erlebt. Was erwartet uns im zweiten Teil?

Die Flucht aus der Psychiatrie. Dane Gelton lässt es nicht zu, dort den Rest seines Lebens zu verbringen, also haut er ab. Sein Ziel ist es, wieder zu seiner Frau Sarah zu finden, die er abgöttisch liebt. Ein alter Mann durchkreuzt jedoch seine Pläne und bietet ihm als ehemaliger Psychiater eine Therapie an. Dane geht auf das Angebot ein und zieht in dessen blaues Haus. Was er nicht ahnt, ist, dass dort die Pflegetochter des alten Mannes das Sagen hat. Sie versucht sofort, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das widerstrebt Dane zutiefst, er gerät in einen Strudel emotionaler Verwirrung, und es entwickelt sich eine hochbrisante Stimmung. Alle drei Personen, die nun auf engstem Raum zusammenleben, haben stark konträre Ziele und beginnen, sich gegenseitig zu zerstören. Dass unter ihnen nicht nur ein Psychopath ist, zeigt der Verlauf der Geschichte.

 

Dane Geltons Biografie wird in „Das blaue Haus“ auf eine ganz andere Weise beleuchtet als im ersten Teil, und sie findet hier ihren endgültigen Schluss. Doch das ist noch lange nicht das Ende? Es handelt sich ja um eine Trilogie! Wie geht es weiter?

Dane hat vor seinem Amoklauf und der anschließenden Einweisung in die Psychiatrie seine Frau Sarah geschwängert … Man kann also einiges vermuten. Mit diesem Kind kommt denn auch ein unglaublich interessantes Wesen auf die Welt. Im dritten und letzten Buch findet diese, man kann sagen Familiengeschichte, die mit Demütigung und Missbrauch begann, ihr dramatisches Ende. Sie zeigt, welche weitreichenden Folgen eine seelischen Erkrankung tatsächlich haben kann.

 

Wir sind gespannt, Frau Schreiner, und bedanken uns für das Interview.

 

Das Interview führte Matthias Häber, freier Redakteur, im Auftrag der Pro BUSINESS GmbH

www.matthiashaeber.de

Das Buch kaufen