Rezension: "Weinheimer Nachrichten/Odenwälder Zeitung", 19. November 2016

Schon als Kind die Liebe zur Lyrik entdeckt

Buchtipp: Birkenauer Autorin Heidi Geiberger legt mit „Leben und lesen lassen“ ihren zweiten Gedichtband vor / Humorvoll und hintersinnig,teilweise auch nachdenklich

Von unserem Redaktionsmitglied
Manfred Bierbauer

BIRKENAU. Wenn man zu Heidi Geiberger sagt, vor ihren Versen sei nichts und niemand sicher, dann lächelt sie verschmitzt und nickt. Sie hat ja auch recht, denn die Palette der Themen, die sie in ihren Gedichten behandelt, ist so weit wie das Leben selbst. So ist es auch kein Zufall, dass die Stichworte der Überschriften in ihrem neuesten Gedichtband fast das ganze Alphabet von A (Alter) bis Z (Zwischenbilanz) umfassen.

„Leben und lesen lassen“ hat sie ihr zweites Buch genannt, versehen mit dem Untertitel „Gedichte zwischen ,schlimmer geht immer‘ und ,schöner geht nimmer‘. Um es vorwegzunehmen: Wer Gedichte mag, die lebensklug sind, originell und vor Humor nur so sprühen, Gedichte, die in vielem an Verse von Heinz Erhardt erinnern, wird auch an diesem Band seine Freude haben.

 

Verse zum Unterrichtsbeginn

Die Autorin - Jahrgang 1939 - entdeckte schon als Kind ihre Liebe zur Lyrik, wozu ihre damalige Deutschlehrerin einen wichtigen Beitrag geleistet hat. Diese Lehrerin hatte es sich nämlich zur Angewohnheit gemacht, zu Beginn jeder Deutschstunde ein Kind ein selbst ausgesuchtes Gedicht aufsagen zu lassen und sie musste erraten, wer der Verfasser war. „Unsere Lehrerin hat es immer erraten“, erzählt Heidi Geiberger, „und sie konnte sogar noch Geschichten aus dem Leben der Autoren schildern.“

Der zweite Grund, warum ihr das Schreiben in Reimform so wichtig geworden ist, heißt Lutz. Jenem Lutz hat die 16-jährige Heidi vor vielen Jahren einen Brief nach Wien gesandt, wo er einige Semester lang studierte. Seine Antwort hat den Teenager überwältigt: „Liebe Heidi, welche Freude/hat mein einsam‘ Herz bewegt,/als dein Brieflein eben heute/ward auf meinen Tisch gelegt“. Diesen Brief hat sie dann, wie den darauffolgenden Schriftwechsel mit ihm, während seines Studiums in Wien in Reimform geführt.

 

Der Grundstein ist gelegt

So war der Grundstein gelegt und seither hat Heidi Geiberger in ihren Gedichten eine unglaubliche Anzahl von Themen aufgegriffen. An ihrem Arbeitsplatz, zum Beispiel, war sie es, die bei Jubiläen oder Verabschiedungen von Vorgesetzten die Feiern oft mit einem selbst verfassten Gedicht bereicherte. Mittlerweile füllen ihre Gedichte mehrere Ordner.

Die ersten, die in Buchform - und in Prosatexte eingerahmt - erschienen, ist auf die gemeinsame Idee ihres Mannes Hans-Jürgen, Sohn Joachim und Freundin Else zurückzuführen. Ohne das Wissen der Autorin, gab ihr Mann dem Sohn das Manuskript, der ein Inhaltsverzeichnis dazu erstellte und es bei einem Verlag auf Kosten ihrer Freundin Else kopieren und binden ließ.

Heraus kam das Buch „Das Kettenhemd“, ein Unikat, das nicht zum Kauf angeboten wird. Überreicht wurde ihr dieses Buch von ihrer Freundin zu ihrem Geburtstag. „Ich dachte damals: „O, ein Buch“ - und fand das Geschenk zunächst nicht so fürchterlich originell. Das änderte sich aber beim Auspacken: Sprachlos und völlig überrascht hielt sie ihr erstes eigenes Buch in den Händen.

Nachdem die Autorin 2010 mit „Mit bunter Feder" ihren ersten Gedichtband veröffentlichte, hat sie jetzt den zweiten vorgelegt: Genau so originell wie der Vorgänger, aber durch die farbigen Zeichnungen der Berlinerin Elke Ostermaier aufwendiger gestaltet. Es ist ein Streifzug durch das Leben, in dem der Beipackzettel und die Schlagermusik ebenso zu den Zutaten gehören wie Gedichte über das Smartphone oder den Stalker, über den Frühling oder das Älterwerden.

Den berühmten moralischen Zeigefinger kennt Heidi Geiberger nicht, dass auch ihr Leben Höhen und Tiefen hatte, schimmert zwischen den Versen zumindest durch, aber: „Mir wurde der Humor in die Wiege gelegt. Er trägt mich und hilft mir über alle Probleme hinweg.“

So kann sie auch mit ernsten Themen wie dem Tod mit einer Portion Verschmitztheit begegnen und selbst ihm noch eine humorvolle Seite abgewinnen. Im Gedicht „Ende gut, alles gut", heißt es zum Beispiel: „Ich wünsch‘ mir auf dem Weg ins Licht,/es stünde mir beim Sterben/ein kleines Lächeln im Gesicht/so wie bei meinen Erben.“ Fragt man Heidi Geiberger nach ihren persönlichen Lieblingsgedicht, dann zögert sie nicht lange: „Renaissance“.

Auch darin setzt sich die Autorin mit dem Thema Tod und Sterben auseinander und kommt zum Schluss: „Tod ist Warten, tief in Trance, auf die nächste Renaissance.“ Wie wichtig ihr gerade dieses Gedicht ist, zeigt sich auch daran: „Es soll bei meiner Beerdigung vorgelesen werden.“

Trotzdem dominiert insgesamt die heitere Note, die auch bei den Gedichten über die Tierkreiszeichen - bezogen auf den männlichen Teil der Bevölkerung - zum Ausdruck kommt. Erstaunlich, wie Heidi Geiberger in diesen zwölf Gedichten die Charaktere vom Steinbock- bis zum Schütze-Mann schildert - so manch eine Leser wird sich darin wiederfinden.

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