Rezension von Efim Schuhmann, "Deutsche Welle", 30.11.2017

„Wogau & Co.“: Das Schicksal des reichsten Handelshauses im russischen Kaiserreich

50 Millionen Goldrubel betrug das Kapital des Handelshauses Wogau & Co., dem größten in Russland, im Jahre 1914. Kurz danach ging alles verloren.

Man kann es sich schwer vorstellen, in diesem schmalen Buch sind die Schicksale einiger Dutzend Menschen, die Geschichte mehrerer Generationen von Krieg, Revolution, unternehmerischem Erfolg und menschlichen Tragödien vereint… Der Buchautor Erik Meyer war 40 Jahre mit dem Export von deutschen Maschinen und Anlagen in die Sowjetunion und danach nach Russland befasst, zehn Jahre davon hat er in Russland verbracht. Jetzt hat er das Buch geschrieben über die Geschichte von „Wogau & Co.“, dem allergrößten Handelshaus (heute würde man es Holding nennen) im vorrevolutionären Russland. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs betrug sein Kapital 50 Millionen Goldrubel, für die damalige Zeit eine schier unvorstellbare Summe. Die Wogaus gehörten zu den zehn reichsten Familien in ganz Russland.

Den Anfang zu diesem Reichtum legte Philipp Maximilian Wogau, der Abkömmling einer Adelsfamilie, der 1827 im Alter von 20 Jahren auszog um sein Glück in Russland zu finden. Er diente zunächst als Laufbursche in einer Firma, die mit den damals so genannten Kolonialwaren handelte. Er nahm die russische Staatsbürgerschaft an und nannte sich fortan Maxim Maximowitsch. Er heiratete die Tochter eines deutschstämmigen Textilfabrikanten in Moskau. Er brachte es bis zum Prokuristen, danach aber machte er sich selbständig.

Tauschhandel in Sachen Tee

Seine Idee war der Handel mit Tee. Ein hartes Geschäft und voller Risiko, denn Tee musste gemäß kaiserlicher Anordnung getauscht (nicht gekauft) werden, und zwar gegen russische Waren, und das in einer einzigen winzigen Stadt an der russisch-chinesischen Grenze. Es gab noch keine transsibirische Eisenbahn, keine Telegrafenverbindung, die Moskau mit dem Tee-Basar hätte verbinden können. Wenn sich Maxim Wogau dorthin begeben musste, dann dauerte die Reise zwei bis drei Monate. Aber der Unternehmer hatte keine Angst vor dem Risiko, wobei er schon sehr früh begriff, dass man den Tee am besten auf dem Seewege in den europäischen Teil Russlands importieren müsste. Aber das war verboten. Auf eine positive Resonanz zu seiner entsprechenden Eingabe beim Finanzministerium des russischen Reiches wartete der Firmengründer 18 Jahre! Aber das Warten wurde belohnt.

Nun gingen die Geschäfte bergauf, und Maxim Wogau, den man heute einen Visionär nennen würde, investierte in solche Branchen, die seinen Konkurrenten damals zu riskant erschienen, z.B. in die Produktion und den Handel mit Zement (und das zu einer Zeit, in der in Russland noch fast alles aus Holz gebaut wurde!), in die Produktion von Soda, in die Elektrolyse… Die Familie Wogau legte ihr Geld in der Zuckerindustrie an, in Aktien von Papierfabriken, in die Verarbeitung von Eisen und Buntmetallen, und eröffnete sogar ein eigenes Bankkontor. Wogau leistete einen kolossalen Beitrag zur Entwicklung der russischen Industrie.

Nach 1917 ging alles verloren, wobei die Probleme – und keine geringen - schon vor der Revolution begonnen hatten, mit Beginn des Ersten Weltkriegs. In der russischen Wikipedia, wo in überaus knapper Form die Geschichte des Handelshauses Wogau vorgestellt wird, heißt es, dass an allen Führungsposten deutsche Staatsbürger saßen und die Firma deshalb „ihre Tätigkeit in Russland eingestellt habe“.

Das ist in zweifacher Hinsicht unrichtig: Erstens waren die Führungspositionen im Handelshaus  von russischen Staatsbürgern besetzt. Viele von Ihnen waren zwar deutscher Abstammung, aber ihre Familien hatten schon einige Generationen in Russland gelebt, und die russische Staatsbürgerschaft hatten bereits ihre Väter oder Großväter angenommen. So, wie auch der Gründer des Handelshauses, der Kaufmann der Ersten Gilde, Maxim Maximowitsch Wogau. Mehr noch: eben deshalb, weil die Mitglieder der Familie Wogau russische und keine reichsdeutschen Bürger waren, konnten sie später nach ihrer Emigration in Deutschland nicht damit rechnen, auch nur die geringste Entschädigung für das verlorene Vermögen zu erhalten.

Im Übrigen von wegen „…ihre Tätigkeit in Russland eingestellt…“, die zaristischen Behörden waren es, die das Handelshaus „Wogau & Co.“ zwangen, die Arbeit einzustellen, und zwar mit erniedrigenden, schädigenden Erlassen und Verboten, mit der faktische Konfiskation der Kapitalanteile von Unternehmen, die irgendeine Verbindung zur Rüstungsindustrie hatten, mit dem erzwungenen Verkauf des Aktienbesitzes, einem Verbot jeglichen Bankgeschäftes, mit der Einsetzung einer staatlichen Aufsicht.

Antideutsche Pogrome in Moskau

Zu guter Letzt haben zur „…Einstellung der Tätigkeit in Russland …“ auch die antideutschen Pogrome in Moskau und Umgebung beigetragen, die im Mai 1915 tobten und die drei Tage andauerten. Eine ganz offensichtlich angestiftete Menschenmenge plünderte Geschäfte, Kontore, Läger und Wohnungen von Deutschen und Österreichern. Die Polizei griff nicht ein. Nach offiziellen Angaben kamen ungefähr hundert deutsche und österreichische Staatsangehörige und fast fünfhundert russische mit deutschen Familiennamen zu Schaden. Dies nur noch einmal zur Frage der Staatsangehörigkeit.

Erik Meyer bringt in seinem Buch die Erinnerungen eines Augenzeugen, der beschreibt, wie Tische zerschlagen, Heizkörper der Dampfheizung in den Kontoren von „Wogau & Co.“ herausgerissen wurden, wie Bücher zerrissen und mit Tinte verschmutzt in den Hof hinaus geworfen wurden. Die Plünderer steckten die Datschen der Familienmitglieder in Nekludowo und Archangelskoe in Brand, auch das Stadthaus in der Straße Woronzowo Polje… Ein anderes Haus gleich nebenan in der Nikoloworobinskij Gasse blieb verschont, weil sein Eigentümer, Moritz Marc mit seiner Frau Sofia (geborene Wogau), gleich zu Beginn des Krieges im Erdgeschoss ein Kriegslazarett eingerichtet hatte. Dem medizinischen Personal gelang es, gemeinsam mit den verwundeten Soldaten, die Plünderer zu vertreiben.

Später kamen die Bauern aus Nekludowo, um sich bei dem in Moskau zurückgezogenen Hugo Wogau für den Pogrom zu entschuldigen, der Teufel habe sie geritten, hieß es, sie seien verführt worden… Aber der Hausherr der Datscha, der übrigens für die Einwohner des Dorfes früher ein Krankenhaus und eine Schule gebaute hatte und vielen von ihnen großzügig geholfen hatte, weigerte sich,  wieder dorthin zu kommen, und er kam auch bis zur Revolution nicht zurück. Nach der Revolution emigrierten die meisten Familienangehörigen zuerst nach Finnland, weiter über Schweden, Norwegen und die Schweiz nach Deutschland.

Die Odyssee dauerte lange und war beschwerlich. Was Nekludowo betrifft, so war eine Datscha (aus Stein gebaut) mit ihrem Park erhalten geblieben, in die sich  Sowjetmarschall Woroschilow verguckte, und die er sich als Sommerresidenz aneignete. Die örtlichen Einwohner (vielleicht sogar dieselben, die am Pogrom teilgenommen hatten) beschwerten sich forthin darüber, dass der „Rote Marschall“ alles mit Stacheldraht eingezäunt hatte, und dass, wenn sie über das Dorf Lianosowo nach Moskau wollten, einen mehrere Kilometer langen Umweg machen mussten. Früher durften sie auf direktem Wege durch den Park laufen. „Als hier die Deutschen wohnten, haben sie sich nicht eingezäunt, aber was der hier macht! ...“ schimpften sie. 1949 geriet die Datscha bei Reinigungsarbeiten in Brand. Sie brannte aus, aber Kliment Jefremowitsch Woroschilow baute sie wieder neu, fast eine Kopie der alten Datscha.

Wie Erik Meyer in seinem Buch erzählt, hatte sich aus der vielköpfigen Familie der Wogaus nur ein einziges Mitglied gegen eine Emigration entschieden – Maxim Marc, der älteste Sohn des Miteigentümers der Firma, Hugo Marc. Er war überzeugter Kommunist und hatte sich schon 1918 der kommunistischen Partei angeschlossen. Hatte sein Vater noch großzügige Schenkungen der russischen Wissenschaft vermacht, interessierte sich der Sohn für die Physik und wurde 1935 Professor für Radiotechnik. Aber Maxim Marc – als Wissenschaftler und Ingenieur und Abkömmling einer Familie von Großindustriellen – ihn erwartete in der Stalinzeit das gewöhnliche Schicksal derartiger Leute. Mehrmals aus der Partei ausgeschlossen, und wieder zugelassen, wurde er letztendlich 1937 gefangen genommen und erschossen wegen „konterrevolutionärer trotzkistischer Umtriebe“. Damals schickte man auch seine Frau in die Verbannung, sie verbrachte viele Jahre im Lager. Die Kinder wuchsen bei der Großmutter auf. Erst nach vielen Jahren erfuhr die Tochter, Irina Marc, die Wahrheit über das Schicksal ihres Vaters. 1998 verließ sie Russland und reiste nach Deutschland aus.