Lutz Rocktäschel: Vuvuzela oder Die Stimmen der Götter

Wer bereits Lutz Rocktäschels Roman „Die Stimmgabel“ gelesen hat, der weiß, was für originelle Möglichkeiten das Science-Fiction-Genre Autoren als Spielwiese bieten kann. Jenseits von Star-Wars-Märchen oder düsteren Endzeit-Dramen entwirft Rocktäschel Welten mit ganz eigenem Spin. Dafür stellt der 1961 in Cottbus geborene Autor und studierte Philosoph schon mal die Raumfahrt auf physikalisch unkonventionelle Grundlagen und erfindet sie auf diese Weise vollkommen neu. Inspiration für seine Gedankenspiele sind seine grenzenlose Neugier, und im Falle seines neuen Buches ein sonderbares Klingeln der Ohren – besser bekannt unter seinem lateinischen Namen „Tinnitus“.

 

 

Herr Rocktäschel, Sie widmen das Buch Ihrem Hörgeräteakustiker?

Ein kleiner Ausdruck meiner tiefen Dankbarkeit. Mein Akustiker hat mir mit sehr viel Geduld ein Hörgerät angepasst. Mit wirklich großer Geduld. Das ist ja nicht so einfach. Wer mit Hörgeräten herumläuft, der weiß vielleicht auch, mit was für Schwierigkeiten man da zu tun hat. Ich selbst war schon am Ende. Und dieser Mann hatte so unendlich viel Geduld, dass ich mir gedacht habe, ich bedanke mich bei ihm an dieser Stelle einfach einmal.

Eine nette Geste, schließlich handelt es sich bei Ihrem Buch auch um einen „Akustik-Thriller“.

Genau. Kohlpeter, die Hauptperson, lange Zeit als Wirtschaftsagent tätig, erkrankt nach einem schweren Tauchunfall an Tinnitus. Er hat also einen Dauerton im Ohr, wie bei einer Vuvuzela, den er einfach nicht wieder loswird.

Ein Problem, das Sie nicht nur vom Hörensagen kennen.

Ich selber habe als Kind einen Unfall gehabt, auf beiden Ohren ein Loch im Trommelfell, musste operiert werden, auf beiden Seiten vier, fünf Mal. Geblieben ist ein Grundrauschen, das mich begleitet – tagtäglich, jede Stunde, jede Minute, immer.

Und es gibt keine Pause? Keine Möglichkeit, um das Geräusch abzuschalten?

Nein, zumindest nicht für mich. Auch Kohlpeter probiert alle möglichen Therapien aus, anfangs auch ohne jeden Erfolg. Bis Freunde sagen: „Du, da gibt es bei Berchtesgaden ein Klangsanatorium, vielleicht können die dir ja helfen.“ Also macht sich Kohlpeter auf den Weg. Und damit kommt eine Geschichte in Gang, die schon bald Kohlpeters kühnste Fantasien übersteigt.

Das Klangsanatorium ist mehr als sein Name verspricht?

Erst einmal können die Ärzte Kohlpeter im Klangsanatorium tatsächlich helfen, sein Tinnitus ist wirklich am Abklingen. Doch dann fängt er auf einmal an, nachts Stimmen zu hören, die nicht von seinem Tinnitus herrühren, und entdeckt auf seiner Suche nach den Ursachen ein geheimes Labor – natürlich versteckt, irgendwo im Keller des Hauses.

Denn im Sanatorium wird nicht nur geheilt, sondern auch experimentiert!

Und das nicht nur im Keller – letztlich ist das ganze Sanatorium so aufgebaut wie ein riesiges Ohr, welches eine neue Art ermöglicht, ins Weltall zu reisen.

Wenn man das zum ersten Mal hört, wirkt das etwas befremdlich. Sie sprechen von Fortbewegungen akustischer Art, von Esonauten und Hyperschallraum. Können Sie das kurz näher erklären?

Na klar, das ist schon etwas verrückt. Die Leute legen sich im Sanatorium einfach irgendwohin und fliegen mittels eines Transformers ab ins All. Wie kommt man auf solche Ideen? Ich sag mal so, was wussten wir denn vorher schon, wie weit unsere Büchsen, mit denen wir es immerhin bis zum Mond geschafft haben und es vielleicht noch bis zum Mars schaffen werden, wie weit die wirklich fliegen? Das ist nicht weniger abenteuerlich, als zu sagen, wir nehmen mal unsere Träume ernst und düsen einfach damit ab. Warum wollen wir nicht einfach mal versuchen, das Rauschen des Tinnitus als einen technischen Rauschgenerator zu begreifen, den wir dann in Verquickung der Töne bringen, die aus dem All kommen, also den Urknall. Der kommt ja immer noch bei uns als Hintergrundrauschen an. Die ganze Welt ist von Rauschen erfüllt. Sie müssen nur einmal den Fernseher einschalten und einen Kanal einstellen, wo kein Sender läuft, dann merken Sie auch hier, dass es rauscht. Wenn man dieses Rauschen mit dem Tinnitus in eine ordentliche Verbindung bringt, dann ist es nicht mehr so weit, dass wir uns mental auf diese Frequenzwellen setzen und so das ganze Universum erforschen.

Damit wird dann wohl auch deutlich, dass es sich beim Buch nicht nur um einen Thriller, sondern auch um einen relativ abgedrehten Science-Fiction handelt.

Es liegt natürlich viel Kreativtät darin, wenn man es mal vorsichtig sagen will.

Die Krankheit als Quelle der Inspiration?

Die Moderne hat aus dem Tinnitus eine Krankheit gemacht und bearbeitet das auch so. Bei den Griechen waren Menschen mit Tinnitus jedoch Leute, die die Stimmen oder die Melodie der Götter hören, worauf ja auch der Untertitel meines Buches verweist. Das waren also nicht Kranke, sondern Menschen, die eine besondere Verbindung hatten. Und weil mein Roman ein Science-Fiction ist, kann man statt von einer Verbindung zu den Göttern auch von einer Verbindung zum Universum sprechen. Nebenbei gesagt, es kommen im Buch auch Aliens vor. Allerdings nicht so einfach, wie man sich das landläufig vorstellt. Wie realistisch das alles wirklich ist, war mir dabei ehrlich gesagt egal, aber das Schreiben hat auf jeden Fall großen Spaß gemacht.

Ist das Ihr Rezept, mit dem eigenen Tinnitus umzugehen?

Da ich den Tinnitus als Dauerton im Ohr habe, brauche ich etwas, was mir die Sache irgendwie erträglich macht. Es ist naheliegend, sich der Sache offensiv zu stellen. Ich bin jemand, der den Tinnitus für sich kreativ nutzt, und bin damit auch in keiner schlechten Gesellschaft. Es gibt viele Künstler, die Tinnitus haben und die für sich eine Form suchen, damit umzugehen, die Musik machen, malen oder, wie ich, schreiben. Für mich ist das eine Form, mich in Bewegung zu halten, nicht ständig daran zu denken.

Kann Fantasie den Tinnitus heilen?

Also, wenn ich das jetzt ernsthaft beantworten müsste, dann müsste ich verneinen, denn ich kenne bislang keine Methode, dieses Thema für sich selbst zu beenden. Fantasie ist nur eine Form damit umzugehen. Es gibt verschiedene Methoden wie man heute so etwas angeht, ich habe bis jetzt keine gefunden, die das Thema für mich als medizinisches Faktum erledigt. Und so lange das nicht der Fall ist,  muss ich mir immer wieder was neues Verrücktes einfallen lassen, was ich dann schreibe. Sie können also damit rechnen, dass das auch nicht das Letzte gewesen ist, was von mir zu diesem Thema kommt.

Wir sind auf jeden Fall gespannt. Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Matthias Häber, freier Redakteur, im Auftrag der Pro BUSINESS GmbH

www.matthiashaeber.de

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