Ella Gabriele Amann und Frank Alkenbrecher über "Das Sowohl-als-auch-Prinzip"

 

Resilienz – Mit Sicherheit stark durch die Krise

 

Vom Überleben in der VUVA-World

Das neue Leadership-Buch „Das Sowohl als auch Prinzip“ ist ein echter Hingucker. Sowohl der Gorilla, der dem Leser auf dem Titelblatt in aller Seelenruhe entgegenblickt, als auch das Thema. Es geht um Resilienz, ein Arbeitsfeld, mit dem sich Ella Gabriele Amann als Beraterin, Coach und Lehrtrainerin bereits seit 20 Jahren auseinandersetzt. Gemeinsam mit Frank Alkenbrecher, der 22 Jahre Managementerfahrung in der pharmazeutischen Industrie einfließen lässt, plädiert das Autorenduo theoretisch fundiert und doch praxisnah für einen Paradigmenwechsel im Führungsalltag, für mehr Gelassenheit und ein neues Selbstverständnis im Umgang mit Krisen.

 

Frau Amann, Herr Alkenbrecher, der Affe auf dem Cover hat ja die Ruhe weg. Was ist sein Geheimnis?

Ella Gabriele Amann: Resilienz und Souveränität. Beides entsteht dadurch, dass wir im Fall einer Krise flexibel und frei auf die Situation reagieren können. Lässt die Resilienz nach, reagieren wir unter Stress mit meist unproduktiven Verhaltensmustern, Reflexen und Gewohnheiten. Was dazu führt, dass wir manchmal mit neuen Lebenssituationen schlechter umgehen können. Der Gorilla steht für uns als Symbol dafür, dass der Mensch diese Souveränität von Natur aus besitzt. Im Buch erinnert er uns immer wieder daran, dass wir Menschen Resilienz nicht neu erlernen, sondern uns ihrer einfach nur stärker bewusst werden müssen.

Frank Alkenbrecher: Zum Beispiel bei politischen und auch unternehmerischen Konstellationen, für die es derzeit noch keine Richtlinien oder irgendeine Form der Anleitung gibt. Ein berühmtes Beispiel ist der Wendepunkt des 11. Septembers. Den geringsten Schaden haben jene Firmen davongetragen, die souverän und vor allem gut vorbereitet mit der Katastrophe umgegangen sind. Diese konnten teilweise superflexibel, und schnell auf die dramatischen Umstände reagieren, weil sie im Vorfeld investiert hatten und auf ein potenzielles Attentat vorbereitet waren.

Der souveräne Umgang mit potenziellen Krisen wird im Vorfeld meist nicht systematisch analysiert. Denn für den Umgang mit neuen und überraschenden Umständen gibt es keine einfache Antwort und auch keine Zehn-Minuten-Bücher in der Art: „Wie werde ich in zehn Minuten zum erfolgreichen Krisen-Manager?“  Dabei haben so gut wie alle Firmen heutzutage mindestens zwei Probleme:

a) Wie gehe ich mit dem Dauerfeuer des Constant Change um?

b) Wie reagiere ich bei dem Eintritt unvorhergesehener Krisen?

 

War das auch der Anlass, ein eigenes Buch zum Thema zu schreiben?

Amann: Ja. Das Buch ist aus der Applied Improvisation Network World Konferenz 2013 in Berlin entstanden. Diese trug den Titel: The Art of Leadership. How to create resilient cultures in a VUCA World. Über  250 internationale Experten haben sich mit der Frage beschäftigt, wie wir mit Methoden der Angewandten Improvisation in Unternehmen aber auch in Therapie, Coaching und Change-Beratung arbeiten können, um die aktuellen Herausforderungen, vor denen wir gerade stehen, meistern zu können. Eines der Schwerpunktthemen war das Thema VUCA-World und Resilienz. Das Akronym VUCA steht für volatile (unberechenbar), uncertain (unsicher), complex (komplex, vielschichtig) und ambiguous (viel- und mehrdeutig). In diesem Begleitbuch haben wir einiges von dem, zu dem wir in dem Bereich der Angewandten Improvisation und Resilienz als Praktiker forschen, zusammengefasst und mit einfachen Beispielen auf die Praxis übertragen.

Alkenbrecher: Wir haben auf diesem Gebiet eine klare Wissens- und Informationslücke gesehen. Man bekommt derzeit in Firmen nur in Ausnahmefällen ein systematisches Training zum Umgang mit Krisen an die Hand. Wie wichtig dabei – neben der Planung – auch das Thema Improvisation ist,  wird aus traditionellen Gründen erst gar nicht erwähnt. Da gibt es keine Anleitung und dieses tägliche Handwerkszeug bringt einem derzeit keiner bei. Im Tagtäglichen muss ich, ob als Mitarbeiter oder als Manager immer wieder improvisieren.  Zeit für Planung war in vielen Fällen gestern. Heute werden die meisten Aufgaben ad hoc und auf Zuruf erledigt.

 

Kann man Improvisation denn tatsächlich lernen?

Amann: Ja, denn wir besitzen als Mensch unser ganz natürliches Improvisationstalent. Wie der Name schon sagt, wir tragen dieses Talent in uns. Es gibt körperlich und neurobiologisch eine ganze Reihe von Prinzipien, die uns dazu befähigen, die ganze Zeit über – zumeist jedoch unbewusst – zu improvisieren. So sorgt zum Beispiel das autonome Nervensystem dafür, dass wir Situationen permanent darauf hin überprüfen, ob sie für uns sicher oder gefährlich sind. Entsprechend zeigen wir körperlich und mental ein Reaktionsverhalten, welches dazu dient, unser Überleben bestmöglich zu sichern. Erst im Nachhinein können wir unser spontanes Verhalten dann  verstehen, interpretieren oder auch korrigieren. Um konstruktiv und produktiv die Zunahme an Komplexität und Stress bewältigen zu können benötigen wir daher eine hohe Souveränität im Umgang mit Unsicherheit, im Umgang mit neunen und unvorhergesehenen Situationen.

Hierzu ist es von zentraler Bedeutung, uns unser natürliches Improvisationstalent wieder bewusst zu machen und seine Kompetenzen weiter ausbauchen. Nur so schaffen wir es, mit der Zunahme der Anforderungen in einer hoch flexiblen und sich immer wieder neu erfindenden, modernen Welt klar zu kommen.

Alkenbrecher: Hierzu gehört auch, dass man sich auf die eigenen Erfahrungen und Kompetenzen im Umgang mit Krisen besinnt. Positive Erfahrungen im Umgang mit kritischen Situationen oder Krisen hat jeder von uns schon einmal erlebt – beruflich und privat. Diese Erfahrungen lassen sich auf andere Bereiche übertragen. Hierzu muss man sich, gemeinsam mit dem Team, dieser Erfahrungen bewusst werden – erst dann können wir sie gezielt in Krisensituationen einsetzen.

 

Inwieweit hilft Ihnen das Buch, Ihr Thema an die Frau oder an den Mann zu bringen?

Amann: Wir bilden seit vielen Jahren Trainer, Berater und Multiplikatoren zum Thema Resilienz aus und führen Seminare durch. Da hilft natürlich ein Buch, die Themen, die wir im Seminar zum Teil nur anreißen können, zu vertiefen – wir haben in dem Buch ja auch erstmals verschiedene neue Forschungsgebiete zusammengeführt und einen Überblick über unseren speziellen Arbeits- und Beratungsansatz gegeben.

Spätestens wenn man Vorträge hält, beginnen die Leute zu fragen, ob man das nicht nachlesen kann. Ich glaube, wenn Sie in dem Bereich arbeiten, in dem wir arbeiten, sind Sie irgendwann einmal an diesem Punkt, wo die Leute schlicht erwarten, dass es dazu eine Veröffentlichung gibt – diese war schon lange überfällig,  

Alkenbrecher: Das Buch entstand zum einen also ganz klar aus einer Nachfrage heraus. Weil die Leute gefragt haben: „Gibt‘s das nicht noch irgendwo schriftlich?“ Aber auch für mich persönlich hat sich die Arbeit am Buch ausgezahlt. Bei meinem Beruf als Geschäftsführer einer pharmazeutischen Firma hilft es mir jeden Tag. Das ist natürlich ein ganz angenehmer Nebeneffekt, dass ich, wenn ich die Führung jeden Tag selber leben muss, diese auch selbstkritisch betrachten und vorgeschlagene Lösungsansätze selbst in der Praxis anwenden und kritisch reflektieren kann.

 

Ich stelle mir die gemeinsame Arbeit an einem Buch relativ kompliziert vor. Wie sind Sie da rangegangen?

Amann: Die Produktion hat insgesamt zwei Jahre gedauert. Wir haben mit Interviews zur Praxis gestartet und diese dann anschließend in den theoretischen Teil integriert. Es gab mehrere konzeptionelle  Anläufe, da wir immer wieder Entscheidungen treffen mussten, welche Forschung wir reinnehmen, welche wir in diesem Buch raus lassen und wie weit wir zu bestimmten Themen ausholen. So haben wir im Grunde genommen das komplette Buch mindestens zweimal geschrieben, weil wir uns auf 240 Seiten reduzieren wollten. Viele Dinge, die wir gerne mit behandelt hätten, haben wir verworfen, damit das kein 400- oder 500-Seiten-Buch wird, welches anschließend keiner mehr in die Hand nehmen will.

Alkenbrecher: Um die theoretischen Grundlagen zu diesem noch recht neuen Themenbereich mit möglichst alltäglichen Praxisbeispielen zu verbinden, brauchte es einen schlüssigen Modus, der auch einen guten Flow hat. Das war gar nicht so einfach, und es gab eine gewisse Lernkurve, die wir selber erlebt haben.

 

Sie bieten ja auch einen sogenannten Buchbonus an. Haben Sie Inhalte im Internet auslagern können?

Amann: Im Internet haben wir einige Themen, welche wir nicht mehr im Buch unterbringen konnten, in Form von weiteren Fachartikeln bereitgestellt.  Es gibt zwei Tests zur Selbsteinschätzung der persönlichen und organisationalen Resilienz und die Möglichkeit, sich einmal im Monat mit uns direkt online auszutauschen. Die Diskussion mit unseren Lesern und deren Feedback ist für uns natürlich sehr wichtig. Wir freuen uns jetzt schon über die vielen spannenden Gespräche, die wir bislang mit Führungskräften und Team zu diesem Thema führen durften.

Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen und Ihrem Buch viel Erfolg.

 

 

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