Autorin Helga Tödt im Interview zu "Die Krupps des Ostens"


Mit Schiffbau hat Helga Tödt eigentlich nicht viel am Hut. Die Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen arbeitete als stellvertretende Amtsärztin, leitete später die Gesundheitsbehörde im Landkreis Hameln-Pyrmont und engagierte sich bis zu ihrer Pensionierung als Dozentin an den Akademien für öffentliches Gesundheitswesen und Sozialmedizin in Düsseldorf, Berlin sowie Schwerin in der ärztlichen Weiterbildung. Auf das Thema ihres Buches stieß Helga Tödt durch einen glücklichen Zufall. Ein irgendwie bekannt klingender Name, ein entfernter Verwandter und die unerwartete Begegnung mit der Ururenkelin und Erbin des Firmengründers Ferdinand Schichau. Helga Tödts Interesse war geweckt, eine Neigung zum Meer schon immer da.

 

Frau Tödt, wenn Sie an den Namen Schichau denken, was haben Sie spontan für ein Bild im Kopf?

Das erste Bild, das mir da erscheint, ist die Einladung zum 75. Jubiläum der Firma im Jahr 1912. Das ist so ein sehr schönes Jugendstilplakat, gemalt von Otto Bollhagen. Ich denke, das gibt all die Elemente wieder, die vorkommen. Die großen Schiffe, die beiden Firmenleiter Ferdinand Schichau und Carl Heinrich Ziese, die bunten Wimpel über der Werft. Deshalb habe ich dieses Bild auch als Titelbild gewählt.

Das Buch ist der Rückblick auf die intensive Auseinandersetzung mit einer Familiengeschichte. Wie sind Sie überhaupt auf das Thema gestoßen?

Wir haben eine ganz entfernte Verwandtschaft zu Carl Heinrich Ziese, und als ich über unsere Familie in Schleswig-Holstein forschte, da stieß ich auch auf die Schichau-Werke. Als uns beim Segeln außerdem „Das große Buch der Schiffstypen“ von Alfred Dudszus in die Hände fiel und wir dort die großen Passagierschiffe von Schichau sahen, da wurde uns erst klar, welch großes Unternehmen dahinter stand. Und das weckte die Neugier noch mehr, weshalb ich in meinen Recherchen da noch weiter ging. Bald wurde mir klar, dass Schichau eines der bedeutendsten Unternehmen der Kaiserzeit war, was mir bis dahin nicht bewusst gewesen ist.

Schichau, das ist ja größtenteils deutsche Wirtschafts- und Technik-Geschichte. Sie selbst kommen eigentlich aus dem Gesundheitsbereich. Was hat Sie persönlich an dem Thema gereizt.

Ja, das war nicht einfach, sich da reinzuarbeiten, aber mein Beruf als Ärztin hat ja durchaus auch mit technischen Elementen zu tun, sodass mir die Thematik nicht ganz so wesensfremd ist. Ich fand die Schiffe aber auch unglaublich faszinierend, und hätte da gern noch mehr darüber ins Buch gebracht, aber meine Lektoren haben mir davon abgeraten, gemeint, das sei zu kompliziert, ich sollte das lieber rauslassen. Und so habe ich mich eben mehr auf das Erzählerische und weniger auf das Technische gestürzt.

Aufstieg und Fall einer Dynastie – das ist ja letztlich ein Stoff, aus dem auch große Romane wie die Buddenbrooks sind. Hatten Sie Probleme, das in eine Form zu gießen?

Weil Sie gerade die Buddenbrooks erwähnen, das ist tatsächlich so eine Geschichte, die mir ständig durch den Kopf ging, während ich über die Schichaus schrieb. Ich fand da einige Parallelen. Es ist eben der Aufstieg, Glanz und Gloria in der Kaiserzeit und dann der Abstieg zur Zeit der Inflation. Es fand zwar zeitversetzt statt, aber doch ähnlich in der Struktur und in den Persönlichkeiten. Da kommt auch die musikalische Begabung der Frauen hinzu, wie bei den Buddenbrooks. Die Familiengeschichte der Schichaus enthält viele Analogien und wirklich spannende, ja eigentlich dramatische Entwicklungen. Es ist schwierig, in einem Sachbuch diese beiden Elemente nebeneinanderzustellen – die reine Information und das Erzählerische, die ganzen Anekdoten, die ich erfahren habe und auch gerne anbringen wollte. Aber ich hoffe, es ist mir einigermaßen gelungen.

 

Gibt es Personen innerhalb der Familiengeschichte, die Ihnen ganz besonders ans Herz gewachsen sind?

Na, da ist einmal der Ferdinand Schichau, der eigentlich so ein Firmenpatriarch war, aber auch eine sehr starke soziale Ader hatte, wie sie Alfred Krupp ja auch hatte für seine Arbeiter. Mitarbeiterkrankenkasse und Pensionskasse, Helfen an jeder Stelle und wo es nur geht. Und dann zum anderen die Hildegard Carlson, die nachher, nach dem Tod ihres Mannes, die Firma leiten musste, die eine sehr begabte Frau war und sich dieser Aufgabe gestellt hatte, ohne eigentlich die richtigen Voraussetzungen dafür zu besitzen. Die rührt mich eigentlich sehr an. Ich erfuhr aus der Familie auch, wie die Familie in den letzten Tagen des Krieges aus Westpreußen geflohen ist, mit den Russen im Rücken. Und das ist eine sehr bewegende Erfahrung, die ich in  meiner Familie selbst nicht gemacht habe.

Mit Westpreußischer Geschichte wird ja immer auch polnische Geschichte berührt. In die Ereignisse um Schichau ist unter anderem die Gewerkschaft Solidarność involviert, die auf dem Werftgelände in Danzig ihren Ursprung hat.

Ich finde, da schließt sich der Kreis: einerseits das soziale Engagement des Firmengründers und zum anderen die Gründung der Gewerkschaft. Das Arbeiterthema zieht sich durch das Buch. Es gibt ja auch einige Kapitel, die sich mit der Situation der Werftarbeiter befassen. Errungenschaften, die im Laufe und Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen wurden, werden da beleuchtet. Aber durchaus auch die kapitalistischen Ansätze des Firmeninhabers Ziese, der ganz heftig und rabiat mit den Arbeitern umgegangen ist. Auch das muss gesagt werden.

Sie schreiben, dass Sie die Meinung mit den im Buch beschriebenen Menschen nicht unbedingt teilen, aber durch die Recherche doch Verständnis für verschiedene Sichtweisen aus der Zeit heraus entwickelt haben.

Das ist ein ganz eigenartiges Phänomen. Einerseits teilt man die politischen Ansichten nicht, aber andererseits entsteht doch eine gewisse Bewunderung für die Persönlichkeiten und ihre Lebensleistung. Es geht einem zudem doch schon sehr nah, wenn man den Ersten und den Zweiten Weltkrieg mit ihnen noch einmal dichter durchleben muss, als man es einfach aus der Geschichte weiß.

Gibt es eigentlich ein Bewusstsein für dieses geschichtliche Kapital der Schichau-Werke in Polen?

Also, es gibt ganz zarte Ansätze, dass man jetzt Ferdinand Schichau wieder höher achtet und sein soziales Engagement für Arbeiter. Zum Beispiel wollte sich eine Schule in „Ferdinand-Schichau-Schule“ umbenennen oder man hat jetzt einen Gedenkstein vor dem Werk wieder aufgestellt. Schichau war ja im kommunistischen Polen totgeschwiegen worden. Und jetzt hat man ihn eben wieder, na ja, als Wohltäter der Region erkannt und ehrt ihn auch als solchen.

Und in Deutschland?

Es ist ganz erstaunlich, wie gut Schichau unter den Schiffbauern bekannt ist. Das war mir gar nicht klar, dass der Name so einen Klang hat, denn es kommen doch einige Innovationen aus diesen Werften, die wegweisend waren für den heutigen Schiffbau.

Das macht auf jeden Fall neugierig auf Ihr Buch. Frau Tödt, herzlichen Dank für das Interview.

 

Das Interview führte Matthias Häber, freier Redakteur, im Auftrag der Pro BUSINESS GmbH

www.matthiashaeber.de

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